Es gibt Termine, bei denen man schon auf dem Weg ahnt: Das wird heute entweder todlangweilig oder irgendwie seltsam.

Mein Einsatz an diesem Sonntag im März 2026 versprach zunächst eindeutig Kategorie eins.

Ich war im ganz normalen Medienauftrag für eine lokale Tageszeitung unterwegs. Daily Business, nichts spektakuläres, klassische Routine. Die Kirche hatte zur Übergabe des Staffelstabs an die neuen Superintendenten eingeladen – ein offizieller Termin, sauber angekündigt, inklusive Einladung an die Presse. Also genau die Art Veranstaltung, bei der man als Fotograf weiß: Man macht solide Bilder, nickt freundlich, liefert ab und fährt wieder.

Zumindest war das der Plan.

Am Anfang lief auch alles genau so. Ich stand zunächst etwas erhöht und machte die üblichen Übersichtsaufnahmen: Publikum, Bühne, Atmosphäre, die klassische visuelle Grundversorgung für jeden Lokalteil. Nichts Spektakuläres. Ein kirchlicher Termin eben. Mit anderen Worten: maximal erwartbar.

Dann betrat ein Mann, adrett gekleidet in einem schicken blauen Anzug und auf Krücken gestützt, mit großem roten Buch in den Händen in aller Ruhe die Kanzel und begann zu predigen – begleitet von einem weiteren Mann, den ich zunächst als Unterstützung wegen der Krücken einordnete.

Foto: Christian Zörkler

Für mich sah das zunächst nicht weiter ungewöhnlich aus. Kirche, Kanzel, Predigt – man muss kein investigativer Enthüllungsjournalist sein, um darin erstmal keinen akuten Alarmgrund zu erkennen.

Kurz darauf fiel der Ton aus.

„Gut“, dachte ich, „Technik kann ja mal ausfallen.“

Passiert. Gerade bei Veranstaltungen, bei denen Mikrofone meistens entweder gar nicht funktionieren oder grundsätzlich nur dann, wenn man sie gerade nicht braucht.

Ungeachtet davon, fuhr der adrett gekleidete Mann mit seiner predigt fort, nur halt etwas lauter. Logisch, der Ton war ja aus.

Foto: Christian Zörkler

Also nutzte ich die Gelegenheit, meinen Standort zu wechseln und mich weiter nach unten in Richtung Geschehen zu bewegen. Schließlich sollte bald die Übergabe an die neuen Superintendenten stattfinden – und wenn es irgendwo Bilder gibt, dann normalerweise dort, wo Hände geschüttelt, Urkunden übergeben und bedeutungsvoll gelächelt wird.

Unten angekommen sang das Publikum lautstark Lieder.

Auch das wirkte auf mich zunächst erstaunlich normal. Ich dachte mir: Clever gelöst. Wenn der Ton ausfällt, überbrückt man das eben mit gemeinschaftlichem Gesang. Improvisation mit Gottesbezug. Kann man machen.

Also fotografierte ich weiter.

Zwar fiel mir eine gewisse Unruhe im Raum auf, aber auch die verbuchte ich erstmal unter „technisches Chaos plus Veranstaltung mit vielen Beteiligten“. Wer schon mal offizielle Termine fotografiert hat, weiß: Nicht jede nervöse Bewegung ist gleich ein Vorbote des Untergangs. Oft ist es auch einfach nur Organisationskultur in ihrer reinsten Form.

Dann wurde es plötzlich deutlich dynamischer.

Ohne große Vorwarnung betraten mehrere Polizeibeamte in zügigem Schritt die Kirche und bewegten sich direkt auf die Kanzel zu.

Und an dieser Stelle dämmerte selbst mir:
Vielleicht handelt es sich hier doch nicht nur um einen etwas missglückten Ablaufplan.

Also tat ich das, wofür ich da war: Ich fotografierte.

Nicht aus Sensationslust, nicht aus Voyeurismus, nicht, weil ich dachte, ich sei plötzlich Kriegsreporter im Kirchenschiff – sondern schlicht, weil es mein journalistischer Auftrag war, das Geschehen dokumentarisch festzuhalten.

Genau dafür ist Presse bei öffentlichen Vorgängen da. Eigentlich ein relativ einfaches Prinzip.

Als die Polizei dann zuerst den Helfer und dann den Mann schließlich von der Kanzel herunterholte – ein Vorgang, der für die Dokumentation einer solchen Situation nun einmal relevant ist – schien genau das einigen Funktionären vor Ort jedoch missfallen zu haben.

Und dann wurde es unerquicklich.

Zunächst versuchte man offenbar, mir schlicht die Sicht zu nehmen, indem sich Personen demonstrativ vor mich stellten.

Ein klassischer Ansatz: Wenn man nicht möchte, dass etwas fotografiert wird, stellt man sich eben so lange vor die Kamera, bis man entweder selbst auf allen Bildern ist oder die Realität offiziell nicht mehr stattfindet.

Foto: Christian Zörkler

Als das nicht funktionierte, wurde man direkter.

Mehrere Personen griffen mir in die Kamera beziehungsweise versuchten, mir diese zu entreißen. Auch das ist, soweit ich weiß, kein anerkannter Bestandteil kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit.

Der Versuch, mir in die Kamera zu greifen Foto: Christian Zörkler

Und weil selbst das nicht den gewünschten Effekt hatte, ging man zum nächsten Programmpunkt über: körperliche Verlagerung des Problems in Richtung Ausgang.

Ich wurde gedrückt, gezogen, geschubst und mit Nachdruck aus dem Innenraum bewegt – obwohl ich mehrfach und unmissverständlich klarstellte, dass ich als journalistischer Fotograf im offiziellen Auftrag einer lokalen Tageszeitung dort war und dass ich auf Einladung der Kirche anwesend war.

Das interessierte in diesem Moment offenbar niemanden.

Ab diesem Zeitpunkt existieren bedauerlicherweise keine weiteren Fotos der Situation mehr – nicht etwa aus journalistischer Zurückhaltung, sondern weil man sich vor Ort dazu entschlossen hatte, körperlich sehr engagiert sicherzustellen, dass ich meine Kamera kein weiteres Mal erhebe um Fotos zu machen.

Es ist schon bemerkenswert, wie schnell sich manche Institutionen in ihrer Haltung zur Pressefreiheit verändern, sobald Presse beginnt, etwas anderes zu fotografieren als Blumenarrangements, freundliche Grußworte und Menschen beim würdevollen Händeschütteln.

Erst am Ausgang entspannte sich die Lage.

Dort stand ein zweiter Reporter der lokalen Tageszeitung und fragte sinngemäß:
„Was genau soll hier eigentlich gerade passieren?“

Eine exzellente Frage, übrigens. Nicht nur situativ, sondern auch grundsätzlich.

Denn erst in diesem Moment schien einigen der Beteiligten zu dämmern, was da gerade tatsächlich passiert war: Dass man soeben nicht irgendeinen störenden Zuschauer entfernt hatte, sondern einen eingeladenen Pressevertreter bei der Ausübung seiner Arbeit.

Plötzlich änderte sich der Tonfall. Menschen aus dem Umfeld der Kirche, der Politik und weitere Beteiligte begannen, sich bei mir zu entschuldigen.

Das ist grundsätzlich besser als keine Entschuldigung.

Es ändert allerdings nur bedingt etwas daran, dass man mich wenige Augenblicke zuvor noch recht entschlossen und gewaltsam aus der Veranstaltung bugsieren wollte.

Im Nachhinein stellte sich für mich dann heraus, was da überhaupt passiert war.

Der Mann auf dem Podium war offenbar kein regulärer Programmpunkt, sondern ein lokal bekannter Störer, der den Gottesdienst beziehungsweise die Veranstaltung an sich gerissen hatte und dort unter anderem vom nächsten Weltkrieg predigte.

Mit diesem Hintergrund ergab plötzlich vieles Sinn:
die Unruhe, der Tonausfall, die Lieder, die Polizei, das Chaos.

Weniger Sinn ergab allerdings weiterhin die Reaktion auf jemanden, der genau diesen Vorfall journalistisch dokumentierte.

Und damit wären wir beim eigentlichen Punkt.

Denn diese Geschichte handelt nicht nur davon, dass ein kirchlicher Termin unerwartet eskalierte. Sie handelt auch davon, wie schnell in angespannten Situationen offenbar vergessen wird, dass Presse nicht nur dann willkommen ist, wenn sie schöne Bilder macht.

Solange Fotografen dekorativ am Rand stehen und freundlich das gewünschte Motiv liefern, ist alles gut. Schwierig wird es offenbar erst dann, wenn Dokumentation tatsächlich Dokumentation wird.

Aber genau dann beginnt der Job.

Nicht beim Gruppenfoto.
Nicht beim Empfang.
Nicht beim symbolischen Händedruck in gutem Licht.

Sondern in dem Moment, in dem etwas passiert, das man vielleicht lieber nicht im Bild hätte.

Und genau deshalb war ich dort.
Genau deshalb habe ich fotografiert.
Und genau deshalb ist diese Geschichte erzählenswert.

Denn unterm Strich bleibt festzuhalten:

Ich wurde zu einem offiziellen Termin eingeladen, um journalistisch zu arbeiten. Ich dokumentierte eine unerwartete Eskalation. Daraufhin versuchte man erst, meine Arbeit zu behindern – und anschließend, mich körperlich aus dem Raum zu entfernen.

Oder, etwas kürzer formuliert:

Ich wäre beinahe gewaltsam aus einer Kirche geflogen, weil ich als Pressevertreter meinen Job gemacht habe.

Das zum aktuellen Zustand der Pressefreiheit in Deutschland.

In diesem Sinne.

Amen.