Ich weiß, diese Überschrift ist hart. Vielleicht sogar ein bisschen frech. Aber sie trifft einen Punkt, den sich viele Menschen inzwischen nicht mehr trauen auszusprechen: Die AfD ist nicht aus dem Nichts groß geworden. Sie ist nicht einfach eines Morgens vom Himmel gefallen, hat sich einen blauen Anzug angezogen und beschlossen, das Land zu spalten.
Die AfD ist vor allem ein Symptom. Ein Symptom für enttäuschte Menschen, gebrochene Versprechen, politische Arroganz und eine Regierung, die sich regelmäßig wundert, warum ihr niemand mehr glaubt. Spoiler: Wenn man Bürger über Jahre hinweg belehrt, beschwichtigt und am Ende doch wieder anders handelt als angekündigt, dann sollte man sich über Misstrauen nicht wundern.
Die AfD ist wählbar. Sie ist nicht verboten. Ihre Kandidaten treten zu Wahlen an, ihre Stimmen zählen, ihre Abgeordneten sitzen in Parlamenten. Das ist der Stand in einem Rechtsstaat. Man muss das nicht feiern. Man muss die Partei nicht mögen. Aber man muss akzeptieren, dass ihre Wähler keine unsichtbaren Schattenwesen sind, die plötzlich aus dem Internet gekrabbelt kommen.
Es sind Nachbarn. Kollegen. Familienmitglieder. Menschen, die sich über Politik ärgern, Angst um ihre wirtschaftliche Zukunft haben, sich nicht gehört fühlen oder schlicht keine Lust mehr auf das Dauerabo aus erhobenem Zeigefinger, schlechter Kommunikation und politischem Nebelkerzenwerfen haben.
Und ja: Es gibt bei der AfD Aussagen, Personal und Programmpunkte, die man kritisieren muss. Sehr deutlich sogar. Der Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz weiterhin als gesichert rechtsextremistische Bestrebung geführt. Das ist keine Erfindung von irgendeinem TikTok-Account mit Deutschlandflagge im Profilbild, sondern eine offizielle Einordnung mit konkreten Begründungen. Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt
Aber wer glaubt, damit sei die Diskussion beendet, macht es sich absurd einfach.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Was stimmt mit der AfD nicht?“ Die Frage lautet auch: Was ist eigentlich mit den Parteien passiert, die dieses Land seit Jahrzehnten regieren oder mitregieren?
Sachsen-Anhalt war kein Unfall
Die aktuelle Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist dafür ein ziemlich lauter Weckruf. Nach dem vorläufigen Ergebnis erreichte die AfD 43,79 Prozent der Zweitstimmen. Die CDU kam auf 17,23 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent und damit deutlich höher als 2021. Vorläufiges Wahlergebnis
Das ist kein kleiner Ausrutscher. Kein „Ups, da haben sich ein paar Leute verklickt“. Das ist ein massiver Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Parteien.
Natürlich haben 56,21 Prozent der Wähler nicht die AfD gewählt. Das wird nun überall als beruhigender Satz herumgereicht, als wäre damit alles wieder gut. Ist es aber nicht. Denn nach derselben Logik haben 82,77 Prozent nicht die CDU gewählt. Auch SPD, Grüne, Linke und BSW haben keine Mehrheit hinter sich.
Die AfD hat keine absolute Mehrheit. Sie hat nach der vorläufigen Sitzverteilung 39 von 83 Sitzen und braucht 42 für eine Mehrheit. Das bedeutet: Sie kann nicht einfach durchregieren, nur weil sie stärkste Partei ist. So funktioniert parlamentarische Demokratie nicht. Eine Partei hat keinen Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt, nur weil ihr Balken in der Wahlsendung länger ist als der der anderen. Vorläufige Sitzverteilung
Trotzdem bleibt die Botschaft eindeutig: Hunderttausende Menschen haben den anderen Parteien gesagt, dass sie mit deren Politik, Kommunikation und Prioritäten unzufrieden sind. Der politische Mittelfinger sozusagen.
Und was machen viele Politiker, Kommentatoren und Aktivisten daraus? Sie erklären den Wählern, dass sie es leider einfach nicht verstanden hätten.
Genau dieser Reflex ist Teil des Problems.
Die Regierung liefert den Frust frei Haus
Die aktuelle Bundesregierung hat sich die Enttäuschung vieler Menschen nicht nur eingefangen. Sie hat sie teilweise mit Schleife und Namensschild persönlich ausgeliefert.
Ein Beispiel (unter vielen) ist die Schuldenbremse. Die Union erklärte im Bundestagswahlprogramm 2025 noch klar, man wolle an ihr festhalten. Kurz nach der Wahl kam dann die große Kehrtwende: Gemeinsam mit SPD und Grünen wurden neue Verschuldungsspielräume geschaffen, darunter ein Sondervermögen von bis zu 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität. CDU/CSU-Wahlprogramm 2025, Bundesfinanzministerium zum Sondervermögen
Man kann diese Entscheidung verteidigen. Die Sicherheitslage hat sich verändert. Infrastruktur ist marode. Investitionen sind nötig. Alles nachvollziehbar.
Aber dann hätte man das vorher ehrlich sagen müssen.
Stattdessen wurde im Wahlkampf so getan, als sei die Schuldenbremse quasi der heilige Gral deutscher Finanzpolitik. Nach der Wahl wurde sie dann plötzlich flexibel genug gemacht, um Milliardenkredite politisch möglich zu machen. Und natürlich wundert man sich anschließend, warum Menschen das Wort „Glaubwürdigkeit“ nur noch mit einem leichten Zucken im Auge hören.
Friedrich Merz hat selbst eingeräumt, dass diese Entscheidung seine persönliche Glaubwürdigkeit belaste. Immerhin. Aber das reicht nicht. Wenn Politiker Versprechen brechen oder komplett umdrehen, braucht es mehr als eine Pressekonferenz mit ernster Stirnfalte. Es braucht eine ehrliche Erklärung, warum eine Zusage nicht mehr gilt, wer die Verantwortung dafür trägt und warum Bürger vorher etwas anderes hören mussten. Pressekonferenz des Bundeskanzlers
Stattdessen entsteht der Eindruck: Vor der Wahl gibt es klare Ansagen. Nach der Wahl gibt es plötzlich Sachzwänge. Dann gibt es Arbeitsgruppen, Kommissionen, Prüfaufträge und irgendwann ein PDF mit 200 Seiten, das erklärt, warum leider alles komplizierter ist.
Politik im Endstadium von „Ja, aber“.
Kein Wunder, dass viele Menschen sich irgendwann denken: Dann wähle ich eben die, die wenigstens klar reden. Ob sie später auch liefern können, ist eine andere Frage. Aber die Sehnsucht nach Klarheit ist real.
Und dann war da noch diese „Nutznießer“-Nummer. Als Friedrich Merz einer Kinderärztin im Fernsehen erklärte, sie sei als Teil des Gesundheitssystems eben auch dessen Nutznießerin, zeigte sich erneut diese bemerkenswerte Distanz zur Lebensrealität. Ärzte, Pflegekräfte und Praxisteams halten ein überlastetes System mit Schichten, Bürokratie und persönlichem Einsatz am Laufen – sie als Profiteure hinzustellen, ist schon eine spezielle Form politischer Wahrnehmung. Man kann über Kosten, Budgets und notwendige Reformen reden. Muss man sogar. Aber wenn der Kanzler Menschen, die kranke Kinder versorgen, sprachlich in die Nähe von Mitnahmeeffekten rückt, darf er sich über den nächsten Vertrauensverlust wirklich nicht wundern. Deutsches Ärzteblatt zur Debatte
Die AfD ist kein politischer Messias
Auch die AfD sollte sich nicht einbilden, dass sie jetzt den Generalschlüssel für alle Probleme besitzt. Sie hatte bislang deutlich weniger Regierungsverantwortung als CDU, SPD oder Grüne. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie besser regieren würde. Es bedeutet nur, dass sie noch nicht an denselben praktischen Problemen gescheitert ist.
Nicht geschriebene Klausuren sind keine Einsen.
Wer die AfD wählt, wählt nicht nur Protest. Er wählt auch ihr Personal, ihre Sprache und ihr Programm. Das sollte jedem bewusst sein. Im aktuellen Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt finden sich etwa Pläne, die Landeszentrale für politische Bildung abzuschaffen und durch ein Institut für staatspolitische Bildung und kulturelle Identität zu ersetzen. Auch Kulturförderung soll sich stärker an „deutscher Identitätsfindung“ orientieren. AfD-Regierungsprogramm Sachsen-Anhalt
Das kann man gut finden. Man kann es aber auch kritisch sehen, wenn eine Partei einerseits ständig über politische Bevormundung klagt und andererseits selbst ziemlich konkrete Vorstellungen davon hat, welche Kultur, Bildung und Sprache künftig gefördert werden sollen.
Die Wahrheit ist: Fast alle Parteien wollen gestalten. Fast alle Parteien wollen Einfluss. Fast alle Parteien glauben, ihre Sicht auf das Land sei die vernünftigste.
Nur bei manchen Parteien heißt es „gesellschaftlicher Fortschritt“, bei anderen „kulturelle Identität“ und bei wieder anderen einfach „gesunder Menschenverstand“. Das Verpackungspapier ist unterschiedlich. Der Machtanspruch dahinter oft erstaunlich ähnlich.
Ständige Politisierung
Was mich persönlich zunehmend nervt: Es wird gefühlt alles politisiert.
Man kann kaum noch auf ein Stadtfest, ein Festival oder eine Veranstaltung gehen, ohne dass irgendwann die nächste politische Ansage kommt. Häufig gegen die AfD. Manchmal offen, manchmal subtil, manchmal so plump, dass man sich fragt, ob der Moderator gerade noch ein Publikum unterhalten oder eine Parteiversammlung eröffnen wollte.
Ich verstehe, dass Künstler und Veranstalter Haltung zeigen wollen. Sie dürfen das auch. Meinungsfreiheit gilt schließlich nicht nur für Leute, deren Meinung man selbst mag.
Aber man darf es trotzdem anstrengend finden.
Nicht jeder, der einfach mal Musik hören, tanzen oder feiern möchte, ist politisch desinteressiert. Vielleicht will man einfach für ein paar Stunden aus diesem Dauerrauschen raus. Vielleicht möchte man nicht jede Freizeitveranstaltung mit einer moralischen Unterweisung beginnen oder beenden. Das macht einen nicht automatisch rechts, links, ignorant oder demokratiefeindlich.
Es macht einen manchmal einfach nur müde.
Die Politik ist inzwischen überall. Im Stadion. Im Konzert. Im Freundeskreis. Im Büro. Im Supermarkt. In jeder Kommentarspalte. Wer welches Kreuz macht, wird immer öfter zur Frage, ob man noch eingeladen wird, ob man als guter Mensch gilt oder ob man bei der nächsten Diskussion direkt in eine Schublade sortiert wird.
Das ist kein gesunder Zustand.
Konservativ, rechts und rechtsextrem sind unterschiedliche Begriffe. Wer alles vermischt, weil es bequemer ist, macht die Debatte kaputt. Genauso wenig kann sich jemand hinter dem Etikett „konservativ“ verstecken, wenn er menschenfeindlichen Unsinn erzählt. Differenzierung ist keine Schwäche. Sie ist die Mindestanforderung an Erwachsene.
Wenn Kritik zur Feinderklärung wird
Ich habe das in meinem journalistischen Alltag selbst erlebt. Bei einer Demonstration fotografiere ich beide Seiten. Das ist mein Job. Ich dokumentiere, was passiert. Ich suche mir nicht vorher aus, welche Bilder politisch angenehm wirken.
Dafür wurde ich schon als „linksversiffte Nazisau“ bezeichnet. Ja, das muss man erstmal sprachlich hinbekommen. Ein Begriff, in dem sich politische Lager offenbar schon auf halber Strecke gegenseitig überfahren haben.
Aber genau das zeigt das Problem: Für viele Menschen ist neutrale Berichterstattung keine neutrale Berichterstattung mehr. Wer die andere Seite zeigt, ist automatisch verdächtig. Wer nicht laut genug zustimmt, gehört offenbar zum Gegner.
Das ist nicht nur nervig. Es ist gefährlich für jede ernsthafte Debatte.
Journalismus muss kritisch sein. Er muss auch unbequem sein. Er muss Missstände benennen, falsche Behauptungen prüfen und Macht kontrollieren. Aber er darf nicht zur Fanpost eines politischen Lagers werden. Und das Publikum sollte endlich aufhören, Journalisten nur dann unabhängig zu nennen, wenn deren Arbeit exakt die eigene Meinung bestätigt.
Wer Journalisten nur dann unabhängig findet, wenn deren Ergebnisse die eigene Meinung bestätigen, sucht vermutlich eher einen Dienstleister für das persönliche Weltbild. No front: Dafür braucht es keine Pressefreiheit, dafür reicht ein gut dressierter Social-Feed.
Dasselbe gilt für politische Kritik. AfD-Wähler sind keine einheitliche Masse mit identischer Motivation. Ihre Entscheidung kann aus Überzeugung, Protest, einzelnen Sachfragen oder einer Mischung daraus entstehen. Ernst nehmen heißt deshalb, nach diesen Gründen zu fragen und sie zu prüfen.
Es bedeutet auch, Verantwortung zuzumuten. Wer eine Partei unterstützt, stärkt deren Personal und politische Vorhaben. Der eigene Frust neutralisiert diese Wirkung nicht. Ein Denkzettel hat keine eingebaute Funktion, die nach der Wahl ausschließlich die sympathischen Programmpunkte aktiviert.
Umgekehrt dürfen sich die anderen Parteien hinter diesem Hinweis nicht verstecken. Der Verweis auf die AfD beantwortet keine Frage nach bezahlbarem Wohnen, verlässlicher Bildung, erreichbarer medizinischer Versorgung, funktionierender Verwaltung oder einer nachvollziehbaren Migrationspolitik. Dafür braucht es konkrete Entscheidungen, nachvollziehbare Prioritäten und ehrliche Angaben zu Kosten und Grenzen.
Dabei sollte erkennbar sein, welche Ebene verantwortlich ist: Bund, Land oder Kommune. Wer für jedes Problem denselben politischen Gegner nennt, macht es sich bequem. Wer jede Kritik mit der Gefahr von rechts abwehrt, macht es sich ebenfalls bequem. Bequemlichkeit ist nur leider kein Regierungsprogramm.
Nach Sachsen-Anhalt wäre deshalb etwas mehr politische Demut angebracht. Bei den Wahlverlierern, die erklären müssen, warum ihr Angebot so wenig überzeugt hat. Bei der AfD, deren Erfolg ihre Vorhaben einer noch strengeren Prüfung aussetzen sollte. Und bei uns allen, sobald wir glauben, die passende Parteipräferenz erspare uns das Nachdenken.
Die AfD ist nicht die alleinige Ursache der deutschen Probleme. Sie ist auch kein Reparaturversprechen, dem man ungeprüft vertrauen sollte. Wer sie ausschließlich als Gefahr betrachtet, kann die Ursachen ihres Erfolgs übersehen. Wer sie ausschließlich als Antwort betrachtet, kann die Gefahren ihrer Politik übersehen.
Vielleicht beginnt Verblendung genau dort: wo die eigenen Überzeugungen plötzlich keiner Prüfung mehr bedürfen, während alle anderen sich gefälligst erklären sollen.
Das bequemste Weltbild ist selten das belastbarste. Auch dann nicht, wenn die eigene Bubble dazu applaudiert.
Mein Fazit
Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, dass wir wieder ein Stück zur Mitte zusammenrücken. Nicht, indem alle plötzlich dieselbe Meinung haben müssen, sondern indem wir einander wieder als Menschen behandeln, bevor wir uns als politische Gegner abstempeln. Deutschland wird nicht besser, wenn jede Diskussion zum Stellungskrieg wird und jeder Andersdenkende sofort als Feind gilt.
Es gibt keine politische Seite, die allein im Besitz der Wahrheit ist. Nicht die AfD. Nicht die Regierung. Nicht links, nicht rechts und auch nicht die selbsternannte Mitte mit moralischem Premium-Abo. Jede Seite hat blinde Flecken, Fehler und Themen, bei denen sie sich ehrlich hinterfragen muss.
Wir sollten wieder mehr miteinander reden, statt übereinander zu schreien. Mehr zuhören, statt sofort zu etikettieren. Mehr zusammenarbeiten, statt uns gegenseitig zu bekämpfen. Denn am Ende leben wir alle im selben Land – und das wird nicht dadurch besser, dass wir uns gegenseitig zerlegen.
Cheers

